Hero In A Cage
Peter Gabriel
Scratch My Back
2010 (Virgin/EMI)





Es ist eigentlich schon alles zu diesem Album gesagt worden und die Meinungen reichen von „absolute Katastrophe“ bis hin zu „bestes Album seit So (1986)“. Gabriel ist in vielerlei Hinsicht ein Genie, ich persönlich bin ein absoluter Verfechter seiner „Pop-Songs“, die auf So und US (1992) in Perfektion zu finden sind.
Dass sich Peter Gabriel zum 60. Geburtstag erstmals ein Coveralbum gönnt, ist in Ordnung. Dass dies keine 08/15-Coverversionen werden würden, war ebenfalls vorherzusehen. Einige PG-Fans hätten sich nach acht Jahren Wartezeit allerdings über neues Songmaterial gefreut. Doch die zwölf Stücke auf Scratch My Back sind so gut wie neu, denn Gabriel gibt den mehr oder weniger bekannten Tracks einen komplett anderen Anstrich. Über dessen Glanz kann man nun streiten. Ausschließlich mit orchestralen Arrangements – gänzlich ohne Gitarren und Drums – geht der Meister einmal mehr neue Wege. Ungewohnt strömen die konzertanten Klänge aus den Schallwandlern und lassen die „PG-Pop-Fraktion“ zunächst ratlos zurück.
Die Ratlosigkeit weicht zwar zusehends, jedoch strengt dieser Prozess an. Man muss sich dieser Platte komplett widmen, die Nuancen aufsaugen und aufgeschlossen sein für avantgardistische Klassik. Es gibt durchaus Stücke ohne Eingewöhnungsschwierigkeiten: Paul Simons „The Boy In The Bubble“, Bon Ivers „Flume“, das wunderschöne „The Book Of Love“ (The Magnetic Fields) oder das herausragende „Listening Wind“ der Talking Heads.
Zugleich tummeln sich aber auch Songs auf dem Album, die meines Erachtens am Ziel vorbeischießen. So z.B. Elbows „Mirrorball“ oder das im Original unantastbare „Street Spirit (Fade Out)“ von Radiohead – hier leider bis zur Unkenntlichkeit zerbröselt. Mag sein, dass mein musikalisches Verständnis für derartige Interpretationen nicht ausreicht, aber irgendwann ist es auch mal gut mit der Kunst.
In Summe gesehen ein hochinteressanter, stellenweise auch großartiger Ausflug Gabriels in die Welt seiner Lieblingssongs. Kontemplativ, aufgekratzt, majestätisch und verwirrend. Artwork und Marketingkonzept sind wie immer über jeden Zweifel erhaben. Freuen wir uns hoffentlich bald auf das seit langem angekündigte I/O



Mirrorball finde ich in Ordnung und das überall gescholtene Street Spirit ist genial. Es passt einfach perfekt als Outro, dass hätte man nicht besser machen können. Der Gesang ist ja nicht ungewollt schlecht, sondern aus künstlerischem Kalkül. Mein Vorteil ist da sicherlich, dass ich über die Jahre hinweg viel Klassik komponiert habe und viel in avantgardistischen Kreisen unterwegs war. Das härtet ab. Da empfindet man z.B. Providence von King Crimson (Red) als harmlosen Spaß…
Keine Sorge, I/O ist bereits fertig, ebenso SON OF OVO und ein weiteres Album. Es gibt also genug neues Material!
Ansonsten Zustimmung!